zum vorherigen Tag 21. Januar 2014 zum nächsten Tag

Mein Jetlag sorgt schon viel früher für Munterkeit und so sind wir problemlos um sieben Uhr startklar. Wolken- und Nebelbänke umhüllen die umliegenden Vulkanberge, von denen wir einen, den Poàs besteigen wollen.
Auf der Fahrt durch die Stadt erklärt uns Stephan das spezielle System der Strassenbezeichnungen. Dies funktioniert wohl ähnlich wie in Salt Lake City, jedoch mit Avenidas und Calles und Stephans Adresse bezeichnet er in etwa so: beim roten Briefkasten, 2 Blocks nördlich der Bank National.
Er zeigt uns beim Vorbeifahren die Botschaft des Vatikans und das Haus Oscar Arias Sánchez, des Friedensnobelpreisträgers, der den Preis 1987 wegen seiner Vermittlertätigkeit in den rundum eskalierenden, regionalen Konflikten erhielt. Er wurde 2006 als Einziger ein zweites Mal als Staatspräsident gewählt, damals gegen Otton Solis, der in den heutigen Wahlen, die eben im Gang sind, weit vorne im Rennen liegt. Wir erfahren von Stephan, dass Costa Rica ein funktionierendes Sozialsystem hat, allen Erwerbstätigen ein garantierter Mindestlohn zusteht, eine günstige Krankenversorgung und keine Armee hat.
Die Strassen sind gesäumt von monumentalen, alles überragenden Reklameplakaten auf massiven Stahlkonstruktionen, welche im Moment auch für viele Kandidaten im Präsidentschaftswahlkampf werben. Dafür fehlen Ortschaftstafeln nach welchen man sich orientieren könnte. Eine kleine Hinweistafel an einem Kandelaber zeigt an, dass es noch ein paar Kilometer bis zum Poàs sei und es nimmt mich wunder, welches nun der Vulkan ist, zu dem wir unterwegs sind. Wir befänden uns ja bereits drauf! Bis jetzt war einem ja gar nicht bewusst, dass San José auf gut 1000 m.ü.M., im Zentralen Hochtal von Costa Rica liegt. Langsam und fast unmerklich beginnt sich die Strasse ausserhalb von Alajuela an grünen, bewirtschafteten Hügeln hinauf zu winden. Erdbeeren werden hier das ganze Jahr über geerntet und an vielen Verkaufsständen am Strassenrand angeboten.
Gut gedeihen hier auch auf grossen Feldern mit schwarzer Plastikfolie überdeckt und schattiert, die für den Blumenexport bestimmten Farne. Kaffee- und auch Bananenplantagen, aber auch saftiges Weideland verleihen der Gegend, je höher wir kommen, ihr frisches Grün.
Wir sind auch den Wolken immer näher gekommen und gerade auf dem Parkplatz, dem Eingang zum Nationalpark Poàs beginnt es zu nieseln. Schliesslich sind wir im Nebelwald, der dem Vulkan mit seinen Dampfwolken, die er pausenlos ausstösst, seine einzigartige Flora verdankt. Farne, mit Bromelien überwachsene Bäume und vor allem die Rhabarberblätter oder auch Schirm der armen Leute genannt, faszinieren uns auf dem Weg zum Krater. Gunnera od. Mammutblatt ist ihr richtiger Name und ihre Stängel sind mit Dornen besetzt. Púa heisst Dorn und daher der Name Poás.

Farnplantagen für den Blumenexport Gunnera oder Mammutblatt Black guan im Nebelwald des Poàs am Nebelmeer

Dann stehe ich endlich einmal am Rand eines der grössten aktiven Vulkankraters der Welt und vor mir breitet sich höchstens ein Nebelmeer aus. Dabei hätte man von hier bei guten Verhältnissen eine Sicht auf die eine Seite zum karibischen Meer und auf die andere Seite zum Pazifik. Heute wäre ich auch zufrieden mit den dreihundert Metern in die Tiefe zu seinem türkisfarbenen See und Stephan probiert uns mit seinem Bild zu trösten, welches er von hier bei schönerem Wetter mit seinem Handy gemacht hat. Die zusätzliche Schlaufe hinüber zum alten Krater bringt's auch nicht, die Wolken über uns werden eher noch düsterer, also müssen mir das grosse Bild und das Modell im Visitorcenter als Statisten für ein Erinnerungsfoto dienen.
Noch ziemlich in den Höhen des Berges hält Ernesto bei einer von saftigem, weitem Weideland umgebenen Hazienda an, wo der Bauer eben dabei ist, seine Kühe in den Stall zu treiben. Bei ihm seien wir zum Apéro eingeladen. Auch hierzulande probiert man mit verschiedenen Marktnischen, ums Überleben zu kämpfen. Warum nicht Schulklassen und Touristen das Leben auf einem Bauernhof näherbringen? Wo sollen denn Kinder lernen, dass die Milch nicht aus der ‚Gugge' kommt oder wie der Käse schmeckt, den man hier produzieren und vermarkten will? Mit dem Heuwagen bringt der Traktor gerade eben eine Gruppe Asiaten von einer Landbeschauung zurück. Der Stall wird geöffnet und die Tiere werden uns hautnah gebracht. Man will uns nicht nur zeigen, wie man eine Kuh noch von Hand melkt, wir sollen es auch selber ausprobieren. Marlis getraut sich als Erste und hat Erfolg. Nur die Aussicht, zu einer Foto von mir als Melkerin zu kommen, besiegt auch mein Zögern. Man muss noch kräftig zupacken, bis ein weisser Strahl im Kessel landet und ich habe direkt Bedauern mit der armen Kuh und hoffe dass es ihr nicht weh tut. Sie aber hält geduldig still.
In einem Winkel im Tenn, wo man extra eine kleine Bar mit einem Fenster mit Aussicht übers weite Land eingerichtet hat, kann man Kaffee, verschiedene Milch- und Käseprodukte bekommen. Für uns wurden drei verschiedene Käsesorten zum Versuchen bereitgemacht und dazu gibt's frische Erdbeeren. Wir als Schweizer müssen da schon sagen, dass hier noch ein Entwicklungspotenzial liegt und sie herausfinden müssen, wie man vielleicht auch rassigen Hartkäse herstellen kann. Hier kennt man eher den gixigen und ziemlich faden Frischkäse.

Stephans Handy-Bild üppige Bromelien Ausflug per Traktor wir sollen's probieren auf der Hazienda

Wir fahren also weiter zurück über nebliges Erdbeerland und zum Mittagessen sind wir bei Freddo Fresas, dem Erdbeeren-Freddy angemeldet, einem Stehaufmännchen, der bei einem Erdbeben alles verloren, aber eisern mit dem Wiederaufbau begonnen hat. Am Anfang kochte die Mama für Fremde Suppe und langsam mauserte sich die Küche zur Gastwirtschaft und es kam immer mehr dazu. Aber immer noch ist es derselbe Holzherd, auf welchem heute bis zu hundert Mittagessen, meist nach der Art der einheimischen Kost zubereitet werden. Comida como en Casa - Essen wie daheim steht über der Eingangstür.
Zuerst dürfen wir quasi als Apéro auf der gegenüberliegenden Strassenseite in einem wunderschön angelegten Garten lustwandeln, wo der ‚Bacharo' singt (der Pajaro Yigüirro, der Nationalvogel ist braun und eher unscheinbar). Viele exotische Pflanzen und Blumen sind zu bestaunen und an Futterstellen kehren Schmetterlinge und Kolibris ein. Schmetterlinge, die nie stillhalten und Kolibris, deren Flügelschlag so schnell ist, dass sie für jeden Fotoapparat unsichtbar sind!
Bald werden wir zum Essen gerufen und weil wir beim Erdbeer-Freddy zu Gast sind, gibt's Erdbeeren in allen Variationen. Als Vorspeise einen Erdbeerensalat mit Essig und frischem Koreander und Cornchips. Zum Trinken gibt's Fresas en leche, oder wenn man es nicht ganz so reichhaltig haben will, das Erdbeerfrappé einfach ohne Milch. Ernesto und Stephan unterstützen tatkräftig das Servierpersonal und bedienen unsere Gruppe. Der Hauptgang ist ein typisch costa-ricanisches Arroz con Pollo, frittierte Kochbananen und Chayote. Die ‚Tschaioti' sind eine komisch geformte Art wie Kohlrabi oder vielleicht Kürbis und schmecken eher noch feiner. Abschliessend zum Kaffee auf einem Stück Biscuittorte die krönende Erdbeere.

Passionsblume im Kolibri-Garten Erdbeersalat Blick in die Küche am Suppentopf Kaffeekirschen

Stephan lädt uns ein, noch einen Blick hinter die Kulissen, das heisst in die Küche zu tun. Er als Freund des Hauses darf das. Es hat schon nicht nur den grossen Holzherd, hinter welchem zwei Köchinnen arbeiten und denen man von der Gaststube aus zusehen kann. Etwas im Hintergrund wird gerüstet und hier zeigt uns Stephan, wie die Chayote ungekocht aussehen. Aus einem grossen Backofen gibt er uns Blätterteigtäschli zum Versuchen und auf einer Gaskochstelle steht auch ein Suppentopf mit leckerem Inhalt probierbereit. Natürlich ist auch eine grosse Friteuse da, neben welcher die Kochbananen auf ihr Schicksal warten und auch zusätzliche Grillplatten fürs Fleisch sind vorhanden. Es läuft etwas in dieser Küche, es sind heute sicher gut siebzig Gäste da und ich habe das Gefühl ein bisschen im Weg herum zu stehen. Trotzdem finde ich diese ‚Betriebsbesichtigung' höchst interessant, wo dürfte man sowas machen in der Schweiz?
Ein bisschen regnerisch geht's weiter und bei einer Kaffeeverarbeitungsanlage inmitten von Kaffeeplantagen, unserem nächsten Stopp, scheint schon bald die Sonne. Heute ist Ruhetag oder vielleicht einfach nicht viel los, aber der Chef persönlich gibt uns Einblick in die Produktion vom Anliefern der Kirschen und deren komplizierte Aufbereitung über die Gärung bis die Kerne erst vom Fruchtfleisch, dann nochmals von einem weiteren Pergamenthäutchen getrennt werden können, dann die Trocknung und Sortierung, bis der grüne Kaffee in den grossen Kaffeesäcken exportbereit gemacht ist. Ein Teil der Bohnen wird immer noch draussen unter der Sonne auf dem baren Boden ausgebreitet, fleissig gewendet und besorgt bis sein Wassergehalt noch etwa 12 % beträgt und somit die Qualität zum Rösten hat.

Trocknen auf dem baren Boden frisch geröstet Kaffee - Blüte und Frucht die blühenden Bäume Fussballstadion in San José

Kaffee wurde in Aethiopien entdeckt und das Geheimnis der Bohnen durch die Araber streng gehütet. Man verkaufte nur gerösteten Kaffee, bis ein Franzose ein paar Bohnen stahl und es ihm gelang, in Martinique daraus Pflanzen zu ziehen. So gelangte Kaffee 1720 nach Amerika und im späten 18. Jahrhundert auch nach Costa Rica. Die Höhe von 1100 bis 1600 m.ü.M., welche Kaffee braucht, ist hier also ideal.
Zamorana S.A. produziert Kaffee Arabica, den man am geraden Strich gegenüber dem Robusta, dessen Kerbe eher ein S auf der Bohne aufweist, unterscheiden kann.
Am Schluss wird uns in der Rösterei noch ein Probierkaffee offeriert und dazu bekommt jedes noch zwei Pralinés, die Walter und Rosmarie gestern in der Schoggimanufaktur gekauft haben. Ich fand es noch eine gute Idee, dem Gastwirt auch etwas abgekauft zu haben, aber ohne dann den Rest der Reise auf Schoggi aufpassen zu müssen.
Von einer Charge frisch grösteten, noch warmen Kaffeebohnen können wir selber für 5 $ ein Pfund abfüllen, und nun duftet es halt bis zu unserer Heimkehr aus meinem Koffer nach Kaffee!
Der Abend reicht noch für einen Spaziergang im Park nahe des Hotels, wo früher der Flugplatz war und nun ein grosses Stadion prangt. Ein Foto muss mir diese Architektur schon wert sein, obwohl ich nicht ganz begriffen habe, warum für dessen Bau alle Arbeiter und sämtliches Material aus China eingeführt wurde. Waren es nun politische Hintergründe oder deswegen, weil Costa-Ricaner nicht bauen können? Nicht nur eine Brücke sei hier, kaum eingeweiht, wieder eingestürzt. Auch schon beim Bau des Nationaltheaters hatten sie so ein Desaster und es ist zu hoffen, dass die neuen Hochhäuser in der Stadt den vielen Erdbeben, mit denen man hier rechnen muss, auch standhalten. Schnell fällt die Nacht und viel Zeit bleibt nicht, um von den blühenden Bäumen im Park noch gute Bilder heimbringen zu können.


zum vorherigen Tag 21. Januar 2014 zum nächsten Tag