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Noch regnet es nicht, aber wir schlüpfen alle in unsere Regenhosen und zurren die Pelerine für unseren Rucksack fest. Während wir uns für ein letztes Bschyssföteli vor der Hütte zu formieren versuchen, ziehen vor der schwarzen Kulisse im Hintergrund, verdächtige Gewitterwolken über die Alp, welche wir hinter dem grossen Karstbuckel vermuten. Noch bevor wir das Schneefeld hinter uns haben, grollt ein erster Donner. Der Weg durch das Karrengebiet ist hier wirklich kein Problem, weil man über eine grosse Strecke einer Wasserleitung folgt, welche man hier im Boden verlegt hat und welche die Hütte mit Trinkwasser versorgt. Im Gegensatz zu gestern, wo man uns nur abgekochtes Wasser für Tee herausgeben konnte, stand heute an den drei Hahnen beim einzigen Waschtrog gleich neben der Eingangstüre kein Warnschild und ich habe meine Trinkflasche davon gefüllt.
Nach einer halben Stunde haben wir auch den Karstbuckel bereits geschafft und unser Abstieg von heute über 1100 Metern kann beginnen. Auch der Regen beginnt jetzt und aus der Tiefe ziehen dicke Nebelschwaden an die rötlichen Felsbänder des Sex rouge hinauf. Die ganze Arena des runden Alpkessels scheint unterhalb der überragenden Felsbändern aus rieselndem Kies zu bestehen und auch der Weg fühlt sich ziemlich lebendig an. Man ist froh um ein starkes Seil, das an einer brenzligen und steilen Stelle angebracht ist. In grossen Zick-Zacks, wo man aufpassen muss, dass man nicht Steine auslöst, um die untern nicht zu gefährden, kommen wir schnell hinunter ins Tälchen, wo man von weitem den Weg sanft geradeaus in Richtung eines hellgrünen Lärchenwäldchens auslaufen sieht. Anderthalb Stunden haben wir bis zu jenem Wegweiser dort bei den ersten Bäumen gehabt und 2 h 45 min sei es von hier bis zur Käseschnitte und zum Fruchtkuchen 2 h 50 min und 2 h 55 min bis zum Kaffee. Das kann wohl nur in der Cabane des Audannes oben sein.

wasserdicht verpackt der Abstieg beginnt... ...und der Nebel kommt herauf sogar am Seil die erste Hürde ist geschafft

Richtig frühlingshaft erscheint der lockere Lärchenwald und noch ist der gelbe Enzian am Blühen. Auch ein Türkenbund überrascht uns am Wegrand und plötzlich sind wir bei einer Scheune angelangt. Aufgrund der Seilbahn, unter welcher wir hier durchkommen, kann Hans nun auf der Karte genau den Weg bestimmen, den wir von hier nehmen müssen, um den Einstieg zu den Suonen zu finden. Suone oder Bisse tönt gut in meinen Ohren, das bedeutet, dass es nicht mehr so steil abwärts geht. Der Regen hat nun aufgehört und wir folgen jetzt einem Fahrweg, denn ein Wegweiser zeigt uns nun die Richtung zur Bisse de Sion an. Bei der Talstation Les Rousses entdecken wir nun das Wässerchen, an dessen Seite ein Wanderweg verläuft und auf welchem ich auch in der Gegenrichtung wohl meine Dampfwalze nie in Betrieb nehmen müsste. Das neue Gefühl können wir aber gerade etwa zweihundert Meter lang auskosten, als Hans beim Wegweiser stoppt, welcher uns weiter hinunter, nach Pracombèra weist. Es wäre doch so schön gewesen, aber Hans erklärt uns, dass diese Bisse eben ziemlich hoch über Anzère hindurch nach Sion führt. Wenn wir die Bisse d' Ayent nehmen, kommen wir etwas unterhalb von Anzère direkt an eine Bushaltestelle. Wir sind jetzt erst auf 1750 Metern, das heisst also noch 400 Meter weiter hinunter!
Gelbblühende Ginstersträucher säumen unsern Weg vom Waldrand auf die Lichtung von Pracombèra, mit seiner Handvoll verschlafener Häuschen. Nebel sind gerade dran, den Weiler einzulullen und verheimlichen uns so eine mögliche Aussicht oder Orientierung.

man sieht kaum mehr aus den Fenstern fast frühlingshafter Lärchenwald wo sind wir genau? bei Pracombèra immer wieder Wunder am Weg

Es ist inzwischen Mittag geworden und die Gelegenheit für einen trockenen Picknickplatz bietet sich bei Ehéley, unter dem Vordach eines einsamen Weekendhäuschens im Wald, kurz bevor wir die Höhe des Suonen-Trasses erreicht haben. Dankbar benutzen wir Tisch und Bank vor der Haustür der abwesenden Besitzer und regenerieren unsere Kräfte für die letzte Etappe unserer diesjährigen Sommerwanderung.
Hans hat nun doch endlich Zeit, einen seiner auf bisherigen Wanderungen so traditionellen "Zwetschgenstein" anzukauen. Die Gedanken des Dalai Lama über die Religionen auf der Welt machen nachdenklich, aber auch irgendwie hilflos. Wenn jeder Mensch erkennen würde, dass die in ihm innewohnende Fähigkeit zu lieben, alle Menschen vereinen könnte, weil alle Menschen gleich geboren werden und gleich sterben und wir dadurch alle gleich und dieser Liebe Kinder sind, müsste es keine Machtansprüche der verschiedenen Religionen geben.

am trockenen Plätzchen... ...fürs Picknick Hans und sein Zwetschgenstein an der Bisse d'Ayent der museale Teil einer Suone

Wir haben nun den Punkt erreicht, wo auf der Karte die 1400-Meter-Linie verläuft, dort wo unser Einstieg zur Suone zu finden sein muss. Dort hinter einem Gebüsch sehen wir nun den Pfad der neben einem ausgetrockneten Graben daher läuft. Diese Bisse ist eine der ältesten Suonen und wurde noch im frühen fünfzehnten Jahrhundert erbaut. Der Betrieb und Unterhalt wurde im oberen Teil aufgegeben und heute gehört er noch zum Museumsweg. Ein paar Schritte weiter tönt ein Summen aus einem Maschinenhäuschen. Ich meine verstanden zu haben, dass heute Wasser vom Stausee Tseuzier, dessen Staumauern wir gestern gesehen haben, in einer Leitung bis hierher und über eine Turbine des Kraftwerk Cranx läuft. Auf der andern Seite des Häuschens ist der Bach nun voll sprudelnden Wassers, welches mit einer recht guten Fliessgeschwindigkeit von jetzt an unseren Weg begleitet. Manchmal wird der Bach durch einen eisernen Trog oder besser Kanal geführt. Es ist ein sehr angenehmer Wanderweg, meistens durch Wald und am Wegrand entdecken wir immer wieder Kostbarkeiten, wie rote Waldvögelein, Stendelwurz und Fichtenspargel.
Hans hat uns aber bewusst nicht alles erzählt, warum wir diese Suone anvisiert haben. Geheimnisvoll deutet er eine bevorstehende Überraschung an. Läge nicht so viel Nebel in der Luft, hätte man zwischen lockeren Tannenwipfeln hindurch eine wunderbare Aussicht hinüber an den Berg, auf welchem sich Crans Montana ausbreitet. Irgendwoher hört man regelmässiges Klopfen oder Quietschen. Unser Weg wird felsiger und einmal sehe ich durch die Bäume vor uns an einer senkrechten Felswand eine Art Galerie hängen. Jetzt ist mir klar, wir begleiten ja die heiligen Wasser, welche oftmals unter den extremsten Voraussetzungen hoch an Felswänden durchgeführt und dann auch unterhalten werden mussten. Unsere Bisse ist eine von jenen, welche während ihres Daseins wohl schon manches Menschenleben gekostet hat. Bald sind wir bei der Ursache des Quietschens. Es ist ein Wasserrad, welches sich im Fluss des Wassers dreht und sein klopfendes Quietschen wird von der Felswand reflektiert und weit unten im Tal als beruhigendes Signal empfangen, dass hier oben das Wasser im Kanal noch fliesst. War es verstummt, hiess das, dass Lawinen oder Felsstürze den Wasserkanal an irgendeiner Stelle zerstört haben musste und jemand musste dort hinauf, manchmal entschied gar das Los, um unter härtesten Bedingungen diesen Kanal wieder zu reparieren. 1831 wurde eine Galerie in den Felsen gehauen, um die Stelle an der Felswand zu umgehen und wir können nun den Bach durch einen dunklen Tunnel auf die andere Seite der Felswand begleiten. Ein Handlauf bewahrt einen davor, ins Wasser zu fallen. Auf der andern Seite kann man auf einer Infotafel auch die Geschichte dieser Bretterkanäle oder Bännen nachlesen und es wird einem fast schlecht wenn man da erfährt: "man schob ein Brett über den zuletzt fixierten Tragbalken hinaus, beschwerte diesen am anderen Ende mit Steinen als Gegengewicht für denjenigen, der den Felsen behauen musste, um den nächsten Tragbalken einzulassen."

wo sie früher ihr Leben einsetzten... ...kann man heute durch einen sicheren Tunnel Stendelwurz und gelber Enzian letzte Hürde... ...und man wartet aufs Postauto

Vor zwanzig Jahren hat man die Bännen an dieser Stelle wieder instand gesetzt. Es ist nun auch ein Stück des Museumswegs. Es ist wirklich ein überraschendes Erlebnis, welches uns Hans nicht vorenthalten wollte.
Langsam kommen wir nun wieder aus dem schroffen Felsgebiet heraus und ein Wegweiser verkündet uns, in einer halben Stunde an der Bushaltestelle zu sein und wir marschieren und marschieren und marschieren. Man kommt durch eine Anlage eines Vitaparcours, der immerhin nun zu Anzère zu gehören scheint. Mir kommt es langsam endlos vor und sicher schon längst mehr als eine halbe Stunde. Dann sind plötzlich überall Plakate aufgehängt, auf denen es heisst, dass Zuschauer verboten seien. An der Strasse, die nun endlich durch die Bäume zu sehen ist, bekommen wir nun des Rätsels Lösung. Strohballen, in orange Plastiksäcke verpackt, werden zur Sicherung in die Kurven geschichtet, Getränkeverkaufszelte und Toi Tois aufgestellt. Ja, heute dürfen wir hier noch durch, aber morgen und übermorgen findet hier das grosse Bergrennen Ayent-Anzère statt und dann hätten wir hier ein Problem, wie wir nach Hause kämen.
Wir landen kurz vor drei Uhr wirklich gerade bei der Postautohaltestelle und in einer Viertelstunde kommt der nächste Kurs. Kaum zu glauben, dass wir um sieben Uhr bereits schon in Basel sein werden. Dem sagt man Schnellzugstempo.


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